Das Gewissen des Parlaments. Einleitung zur spanischen Ausgabe
   

Einleitung zur spanischen Ausgabe des Buches “Hildegard Burjan. Frau zwischen Politik und Kirche” von Gonzalo Moreno-Muñoz

Giussani sagte, dass das Christentum in erster Linie eine Person ist. Und wenn wir Christen durch eine Person sind, können wir nur seine Jünger werden, wenn wir ihn bezeugen. Deshalb hat die Kirche die Heiligen immer verehrt, sie als Lebensbeispiel eingeführt und uns empfohlen über ihr Leben zu lesen, das ein lebendiges Christentum bezeugt. Die Welt braucht Zeugen, sagte Paul VI, denn sie sind das konkrete Gesicht des sichtbaren und fleischgewordenen Glaubens.

Ich lernte die Person Hildegarda Burjan Ende 2011 kennen, ein paar Monate nach meinem Umzug nach Wien und einer jener von der Vorsehung bestimmten Situationen, die man selbst nicht sucht. Von Anfang an fühlte ich eine Faszination für diese Frau. Obwohl ich wenig von ihr wusste, begann ich mich für ihr Leben zu interessieren. Im Jahr 2012 schenkte mir jemand, der nichts mit der katholischen Kirche zu tun hatte, zwei Einladungen für die Seligsprechung, die von Kardinal Angelo Amato im Stephansdom zelebriert wurde. Das war die Anerkennung der Kirche an die heroischen Tugenden der Gründerin von Caritas Socialis und ein Vorbild der Heiligkeit für die gesamte Menschheit. Zwei Jahre später zog ich in das Servitenviertel im 9. Wiener Gemeindebezirk, wo sich der Hauptsitz der Caritas Socialis in der Pramergasse befindet. Dort ist die Kapelle, die die Reliquien der Gründerin beherbergt.

All dies brachte mich der Person Hildegard näher und näher. In ihrer Rolle als Frau, als Parlamentarierin, als Ehefrau und Mutter, als Gründerin. Ein intensives und bestimmtes Leben, das nichts zu verschwenden hat. Gerade weil es schmerzhaft und widersprüchlich ist; leuchtend und rebellisch; hingebend und kreativ. Es war durch die Bibliographie über Hildegard auf Deutsch, aber auch durch die Schwestern von Caritas Socialis und die Leute, die Jahrzehnte gewidmet haben, um ihr Leben zu verkündigen. Unter ihnen nimmt die Vize-Postulatorin des Seligsprechungsprozesses und Autorin dieser Biographie, Professorin Ingeborg Schödl, eine zentrale Rolle ein. Sowie die verschiedenen Leiterinnen von Caritas Socialis, das Lebenswerk Hildegards, die auch heute noch ein Vorbild für die soziale Hilfe in Österreich und Brasilien ist.

Angesichts der fehlenden Bibliographie auf Spanisch haben wir uns entschlossen, ein Buch über ihr Leben zu übersetzen. Die Wahl fiel auf die vollständigste Biographie, die 2008 vom Wiener Domverlag veröffentlicht wurde. Das Projekt wurde von Anfang an von der Kulturstiftung Kardinal Ángel Herrera Oria unterstützt, die in Hildegard ein Leben sah, das es wert war, erzählt zu werden.

Wir, die wir das Charisma der katholischen Vereinigung der Propagandisten (ACdP – Asociación Católica de Propagandistas) leben, können nicht umhin, Parallelen zwischen dem Leben von Hildegard Burjan und dem der Propagandisten der ersten Stunde zu finden. Hildegard Burjan wurde 1883 geboren, drei Jahre vor Angel Herrera Oria (dem Gründer von ACdP). Obwohl Hildegards Leben von einer radikalen Konversionserfahrung tief bestimmt war, gab es auch fast identische Faktoren für die Entstehung des sozialen Katholizismus in Spanien und Österreich: Der Einfluss des Rerum Novarums, die Jahrhundertwende, der Antiklerikalismus und die revolutionäre Bedrohung. Wenngleich in den Formen unterschiedlich, folgten beide einem sehr ähnlichen Muster auf der Suche nach Exzellenz und Innovation, die Ablehnung des religiösen Fundamentalismus, ein starker sozialer Akzent und politischer und sozialer Possibilismus. Nach einer starken Konfrontation zwischen Klasseninteressen, konservativer Ideologie und religiösem Fundamentalismus entstand in der Kirche eine neue Form der Laienschaft, die vom zweiten Vatikanischen Konzil fünfzig Jahre später bestätigt wurde.

Wenn es etwas gibt, für das Hildegard weltweit bekannt ist, dann dafür, dass sie die erste Abgeordnete ist, die seliggesprochen wurde. Der Titel dieses Bandes – “Das Gewissen des Parlaments” – wurde vom Wiener Kardinal auf Grund ihrer anspruchsvollen parlamentarischen Tätigkeit geprägt. Das Foto des christlich-sozialen Parlamentsklubs, mit einer einzigen Frau in Weiß unter allen dunkel gekleideten Herren, war ein Meilenstein, der über die christlich-soziale Partei und die österreichische Nationalpolitik hinausging. Aber was den Unterschied bei Hildegard ausmacht, ist ihre temporäre, pragmatische und realistische Sicht der Politik. Obwohl sie die Politik als zentrales Mittel zur Umsetzung von Ideen sah, war sie für sie stets etwas Vorübergehendes. Sie sah sie als ein Werkzeug, um soziale Errungenschaften voranzutreiben; dies im Dienst des Gemeinwohls. Und sie hat sich von ihr verabschiedet, ohne Rücksicht auf ihre legitimen persönlichen Ziele. Das war nur ein Zwischenstopp für eine längere, tiefergehende Reise. Weit weg vom Flutlicht und der Pracht der politischen Welt setzte sie ihren Weg zu einer weiterentwickelten Form des sozialen Apostolats fort.

Das Leben von Hildegard Burjan spielt sich in einer Zeit und einem faszinierenden Ort ab. Der historische Hintergrund, den Professorin Schödl in dem Buch brillant auslegt, liefert die notwendigen Zutaten für ein neuartiges Leben. Die letzten Jahre des österreichisch-ungarischen Reiches, mit dem ewigen Kaiser, Franz Josef I; die Ermordung des Nachfolgers des kaiserlichen Thrones in Sarajevo, der Erste Weltkrieg, die Nachkriegszeit und der Aufstieg des Nationalsozialismus; all dies passiert in nur zwanzig Jahren hektischer Veränderung. Das winzige Österreich, das nach den demütigenden Vereinbarungen der Siegermächte im Ersten Weltkrieg geboren wurde, war der politische Rahmen, in dem die herrschende Klasse Fehler und Frustrationen zu bewältigen hatte. Die schwere Wirtschaftskrise, die dem Riss von 1929 folgte, vervollständigte ein dramatisches Bild, das Deutschland zuerst und dann Österreich in die Katastrophe des Totalitarismus zog.

Aber inmitten dieser historischen Katharsis blühte das Beste an Wissenschaft und Kultur. Verschiede Autoren stimmen darin überein, dass Wien vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Einmarsch Hitlers 1938 eine ganz besondere Hochphase von Talenten, Erfindungen und Kreativität erlebte. In der Malerei, Architektur, Physik, Philosophie, Mathematik, Literatur, Wirtschaft und natürlich in der Musik; in Wien konzentrierte sich eine üppige Explosion von Genialität, ohnegleichen. Namen wie Wittgenstein und Popper in der Philosophie, die Autoren Rilke, Zweig, Kafka, Roth; in der Musik Brahms, Mahler, Dvořák oder in der Malerei Klimt und Schiele; das sind nur einige herausragende Beispiele jener genialen Epoche. Dieses Österreich brachte zahlreiche Nobelpreise hervor, es wurden zwei Schlüsselinstitutionen der Geistesgeschichte und der Wissenschaften gegründet – der Wiener Kreis der Positivisten und die Österreichische Schule der Wirtschaft – und es entstand eine neue Wissenschaft durch Sigmund Freud: die Psychoanalyse.

Diesem Zirkel großer Namen muss man Hildegard Burjan als soziale und politische Pionierin hinzufügen. Nicht deshalb, weil sie ein Talent mehr in diesem auserwählten Kreisen war – zu denen sie zweifellos wegen ihrer akademischen und sozialen Leistung zählte – sondern weil sie es verstand, die Not der zahlreichen Brüder und Schwestern anzuerkennen, denen jener Ruhm verschlossen blieb. Diejenigen, die keine Musik hörten, nicht zur Klinik des Dr. Freud liefen oder einfach nicht lesen konnten. Jene Massen der Ausgestoßenen, die der Krieg zweimal in seinen Strudel zog, waren die Auserwählten von Hildegard. Die bevorzugte Alternative für die Armen, wie Papst Franziskus sagen würden. Und unter ihnen gab es noch eine Gruppe, die womöglich noch ärmer dran war: die Frauen und Kinder. Die Ärmsten unter den Armen.

Hildegards soziale Methode sind zwei Seiten derselben Medaille. Etwas Neues, das auf einen Mittelweg zwischen „Wohltätigkeit alten Stils ” – und der politischen Forderung nach einer Gesetzgebung zugunsten der am stärksten Benachteiligten beruhte. Etwas, das nicht in die Strategie der Sozialisten passte. Aber auch nicht in die der Konservativen, die ein Erwachen des Bewusstseins der Arbeiterklasse als gefährlich sahen: „Das ist die, die die Hausgehilfinnen närrisch macht“ Hildegard praktizierte eine umsichtige Verwaltung von Zeit und Mittel, die es ihr ermöglichte voranzukommen und das Erreichte abzusichern. Und sie hatte einen permanenten Anspruch an die höhere Schicht ihren Reichtum zu teilen und sie für das Unglück anderer Klassen zu sensibilisieren. Aber auch einen Anspruch an jene, die soziale Hilfe empfingen, auf die Beine zu kommen und in der Lage sein zu sagen: „Ich bin jemand, und ich kann etwas leisten“ Eine ganz neue Sprache, die überall Gegner fand, die sich durch das kühne Vorgehen bedroht sahen. Und paradoxerweise kam der stärkste Widerstand aus den eigenen Reihen.

Aber wenn sie mit dem Bürgertum und der Arbeiterklasse so hart ins Gericht ging, dann nur deshalb, weil sie vorher so hohe Ansprüche an sich selbst stellte. Das Kreuz war für sie etwas ganz Natürliches, das sie auf sich nehmen musste, um irgendeine Arbeit zu tun; um irgendein Unternehmen zu beginnen. Darin ist ein tiefer mystischer Einfluss ihrer Bekehrung zu sehen, aber auch eine grenzenlose, übernatürliche Begeisterung. Ein Empfinden, das sie von allen Personen verlangte, die mit ihr arbeiteten, um alles nur „für die Liebe Gottes“ zu tun. Bei Hildegard zeichnet sich ganz deutlich der Leidensweg Christi ab, was zeigt, dass es keine Heiligkeit ohne das Kreuz gibt. In ihrem Fall waren es besonders körperliche Leiden. Aber waren sie auch sehr schwer, chronisch und früh in ihrem Leben, so waren sie nicht das Einzige und Wichtigste. Ihr Leidensweg, durch die Rückschläge bei ihrem sozialen Engagement, die politische Angriffe, Kritiken aus den eigenen Reihen und vor allem ihre eigene widersprüchliche Situation: Mutter in ihrer Familie und Gründerin einer religiösen Gemeinschaft, all das war die Saat eines dornenreichen Lebens, bei dem ihre ganz spezielle Tugend vollends aufging.

Gibt es keine Heiligen ohne Kreuz, so existiert auch kein menschliches Leben ohne Fehler. Das bekannte dieselbe Hildegard auf ihrem Sterbebett: „Ich habe vieles schlecht gemacht“. Was sich besonders in der Beziehung zu ihrer Tochter zeigt. Und weil sich Heilige ganz bewusst ihrer menschlichen Schwäche sind, öffnen sie sich auch der Gnade, die durch Christus alles heilt. Denn Gott sucht niemals die Perfekten, sondern vor allem die Verliebten. Und die Liebe zu Gott durchzieht Hildegards ganzes Leben. Als kleines Mädchen, von den Nonnen des nahen Klosters fasziniert, als brillante Studentin der Philosophie in Zürich, als sie diese Liebe allein durch die Vernunft sucht, als exzellente soziale Organisatorin, als eloquente Parlamentarierin, als Gründerin von Caritas Socialis, eigentlich immer. Lieber Leser, dieses Buch erzählt vom Leben einer außerordentlichen Frau. Einer Frau mit einem hohen Maß an Energie, die tiefe Spuren hinterließ. Vielleicht bringen dich diese Seiten auf ihren Weg. Einen Weg, den man durchlaufen sollte und der neue Seele braucht, erfüllt von einem übermächtigen Geist, die Werke zu tun die unsere Zeit verlangt. Werke im Dienst Gottes und an der Gesellschaft, die in der seligen Hildegard Burjan eine sichere Fürsprecherin finden werden.

Danksagungen

Damit dieses Buch erscheinen konnte, haben viele ihre Zeit geopfert. An erster Stelle muss man der Kulturstiftung Ángel Herrera Oria als Herausgeber danken. Innerhalb der Geschäftsleitung Raúl Mayoral, der das Projekt sofort in die Wege leitete, und Fernando Lostao, der mit großem Fleiß die Herausgabe betreute. Der Dank gilt auch allen Mitgliedern des Vorstands, ganz besonders Carlos Romero und Marisa Moreno.

Außerdem auf Seiten Österreichs, gilt dieser Dank der Autorin Ingeborg Schödl, die mir ihrer Erfahrung als Herausgeberin die ersten Schritte einleitete, damit die Rechte für eine spanische Ausgabe erteilt werden. Und natürlich muss in diesem Zusammenhang Caritas Socialis genannt werden, mit der Generalleiterin Sr. Susanne Krendelsberger, als besonders effiziente Vermittlerin bei allen Formalitäten und Sr. Karin Weiler, die ihre unschätzbare Hilfe bei der Vorbereitung des Begleitmaterials gegeben hat. Danke auch dem Herausgeber der Originalausgabe, dem Wiener Domverlag, und dem spanischen Verlag, CEU Ediciones, hier speziell Barbara Kornherr und Pablo Velasco.

Schließlich danke ich den Geistlichen, die in ihrem Vorwort und ihrem Nachwort eine Brückenschlag zwischen der österreichischen und spanischen Kirche geleistet haben, im Hinblick auf eine universelle Heilige.Meine besondere Anerkennung gilt Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien, und meinem lieben Freund, Mons. Ginés García Beltrán, Bischof von Guadix, meiner Heimatsdiözese.

Was die konkrete Arbeit der Übersetzung und Korrektur betrifft, möchte ich an dieser Stelle meine liebe Mutter Emi ganz besonders erwähnen. Sie hat als Erste mein Konzept der Übersetzung gelesen und etliche Stunden mit Anmerkungen und Ratschlägen verbracht. Auch Íñigo de Bustos, Javier Pérez de la Maza und Luis Tercero möchte ich für ihre historischen und linguistischen Ratschläge danken.

Am Ende möchte ich vor allem meiner lieber Frau Julia danken, die während der vergangenen zwei Jahren so viele Stunden des Familienlebens opferte, während das Buchprojekt dauerte. Auf dass die Heilige Hildegard Burjan für unser Tochter Clara María immer eine Inspiration sein möge. Als Vorbild einer starken und sich treubleibenden Frau.

Übersetzung: Erik Moog und Julia Moreno-Hanseöhrl

 

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